Jungle World vom 09.02.2006

Öfen & Söhne


Die Firma Topf & Söhne in Erfurt entwickelte die Öfen für die nationalsozialistischen Vernichtungslager. Aus der Industriebrache könnte nunmehr ein Erinnerungsort werden. Von Eckart Schörle

Seit zehn Jahren wird an diesem Ort nichts mehr produziert. Die Natur erobert sich das drei Hektar große Gelände an der Weimarischen Straße in Erfurt, nur wenige Gehminuten vom Bahnhof entfernt, nach und nach zurück. Die Gebäude verfallen, und auf den Wegen häufen sich Schutt und die Überreste des einstigen Produktion. Lediglich die zahlreichen Graffiti sorgen für ein bisschen Farbe auf der öden Industriebrache.
Kaum etwas in den Ruinen erinnert an die schreck­liche Bedeutung, die Überlebende des Holocaust bis heute mit dem Namen dieser Firma verbinden: Topf & Söhne, im Jahr 1878 als Spezialbetrieb für Feuerungs- und Mälzereianlagen in Erfurt gegründet, produzierte einen großen Teil der Krematorien für die nationalsozialistischen Vernichtungslager. Was zunächst als moderne Bestattungsform galt, entwickelten die Ingenieure von Topf & Söhne zu einer Technik weiter, die die industrielle Beseitigung menschlicher Leichen überhaupt erst ermöglichte. Alle bis dahin gültigen Regeln einer würdigen Einäscherung wurden beim Entwerfen dieser Ofenanlagen für den Dauerbetrieb bewusst fallen gelassen. Das Unternehmen leistete somit eine eigenständige und wesentliche Voraussetzung für den fabrikmäßigen Völkermord an den europäischen Juden.
Der verstaatlichte Nachfolge­betrieb VEB Erfurter Mälzerei und Speicherbau ging 1996 in Konkurs. Die Suche nach einem neuen Investor für das Areal blieb bis heute erfolglos. Schon vor dem Konkurs machten engagierte Einzelpersonen wie Eckhard Schwarzenberger auf die historische Bedeutung des Industriegeländes aufmerksam und forderten einen angemessenen Umgang damit ein. Ende der neunzigerJahre entstand der Förderkreis Geschichtsort Topf & Söhne, der sich seitdem für eine dauerhafte Auseinandersetzung mit der Geschichte von Topf & Söhne auf dem ehemaligen Firmenglände einsetzt.
Die Aufforderungen an die Stadt Erfurt, vor der Industriebrache wenigstens ein Schild anzubringen, das auf die Bedeutung des Ortes hinweist, und entsprechende Wegweiser in der Stadt aufzustellen - wie es für jeden anderen historisch bedeutsamen Ort in Erfurt selbstverständlich ist - wurden immer wieder zurückgewiesen oder ignoriert. Auch Kunstprojekte, Theater, Vortragsreihen und Diskussionsveranstaltungen vermochten an der Haltung der politisch Verantwortlichen lange Zeit nichts zu ändern.

Eine neue Dynamik brachte schließlich das Jahr 2001, als ein Teil des Geländes besetzt wurde. Seit über vier Jahren finden dort neben Punkkonzerten auch Lesungen und Vorträge statt, die sich mit der Geschichte von Topf & Söhne und dem Nationalsozialismus befassen. Der jüngst entstandene Film "Topfgang" informiert über die Geschichte und die aktuelle Situation des Areals. Das "besetzte Haus" ist mittlerweile zu einer festen Größe in der Erfurter Kulturszene geworden und hält das Gelände weiterhin in der Aufmerksamkeit der breiteren Öffentlichkeit.
Auf der Grundlage der Forschungsarbeit der Historikerin Annegret Schüle ist an der Gedenkstätte Buchenwald darüber hinaus eine eindrucksvolle Ausstellung entwickelt worden, die im Sommer 2005 unter großer internationaler Aufmerksamkeit im Jüdischen Museum in Berlin eröffnet werden konnte. Die Präsentation in Erfurt blieb jedoch einige Zeit ungewiss. Erst wenige Tage vor Eröffnung der Ausstellung in Berlin kam die definitive Zusage aus dem Büro des Erfurter Oberbürgermeisters Manfred Ruge, diese auch in Erfurt zu zeigen.
Seit Oktober 2005 ist die Ausstellung "Techniker der 'Endlösung'" nun im Erfurter Stadtmuseum zu sehen. Ein umfangreiches Begleitprogramm, das der Förderkreis unter Mitwirkung verschiedener Institutionen koordiniert hat, vertieft die in der Ausstellung aufgeworfenen Fragen nach Täterschaft und Verantwortung.

Die Ausstellung hat in Erfurt einiges in Bewegung gebracht. Nach einer langen Phase des Zögerns ist die Stadt aktiv ge­worden und hat Annegret Schüle mit der Entwicklung einer Konzeption für einen Geschichtsort Topf & Söhne beauftragt. Das inzwischen stark beschädigte Verwaltungsgebäude soll saniert werden, um dort die Ausstellung dauerhaft unterzubringen. Derzeit versucht die Stadt, die Landesentwicklungsgesellschaft Thüringen für die Vermarktung des gesamten Geländes zu gewinnen. Diskutiert wird aber auch die Möglichkeit, vom authentischen Ort Abstand zu nehmen und die Ausstellung in einem Gebäude neben dem Stadtmuseum unterzubringen.
Das zentrale Anliegen des Förderkreises bleibt eine Auseinandersetzung mit Topf & Söhne auf dem Firmengelände. Die Mitwirkung der deutschen Industrie am Holocaust am historischen Ort zu thematisieren, könnte einen wichtigen, neuen Akzent in der deutschen Erinnerungskultur setzten. Während Ausstellungsorte wie die Topographie des Terrors, das Haus der Wannsee-Konferenz und die Villa ten Hompel die staatliche Seite in den Blick nehmen, könnte in Erfurt das Augen­merk auf die zivile Wirtschaft sowie die gesellschaftliche Dimension von Produktion und Arbeit gelegt werden.
Die Firmengeschichte von Topf & Söhne sträubt sich gegen einfache Kategorisierungen und Erklä­rungsversuche. Mit der Benennung der Schuld einzelner ist es nicht getan. Vielmehr provoziert der Ort durch die Normalität, in der die Produktion der Öfen stattfinden konnte. Diese Normalität zu thematisieren, wird eine der zentralen Herausforderungen der pädagogischen Arbeit werden. Der Fall Topf & Söhne bietet neue Chancen im künftigen Umgang mit der Geschichte des Nationalsozialismus.
Widerstand gegen das Geschichtsprojekt gibt es nach wie vor. So hat der Erfurter Heimatkundler Hans-Peter Brachmanski kürzlich gegen Hardy Eidam, den Leiter des Erfurter Stadtmuseums, eine Dienstaufsichtsbeschwerde wegen "Verdachts der Volksverhetzung" eingereicht, die dieser angeblich mit der Präsentation der Ausstellung "Techniker der 'Endlösung'" betreibe. In einem offenen Brief an die Mitglieder des Geschichtsvereins polemisierte er dagegen, dass "linkspolitisch motivierte Gedenkwallfahrtsorte aus dem Boden gestampft" würden. Auch in Zukunft wird es sich also lohnen, die Debatten in Erfurt weiterzuverfolgen.